Das Märchen Hänsel und Gretel ist eines der populärsten Literaturdenkmäler Europas, und auch die gleichnamige Oper von Engelbert Humperdinck ist seit ihrer Uraufführung ein Publikumsmagnet. Gründe dafür gibt es viele. Neben einer Musik, die zugleich durch bekannte volksliedhafte Melodien wie “Ein Männlein steht im Walde“ und “Suse liebe Suse“ sowie eine romantische Klangästhetik begeistert, sind es auch inhaltliche Aspekte, die dieses Werk zu einer der am häufigsten gespielten Opern gemacht hat. Innerhalb einer vermeintlich romantischen Märchenwelt behandelt Hänsel und Gretel durchaus heutige und lebensnahe Themen: Armut, soziale Ausgrenzung, gestörte Familienstrukturen und die Vernachlässigung von Kindern.
Der englische Regisseur und Ausstatter Ultz, der am Landestheater Niederbayern bisher durch seine tiefgründigen und analytischen Inszenierungen von zum Beispiel Mozarts Zauberflöte oder Strauss` Salome aufgefallen ist, interpretiert Humperdincks Meisterwerk sehr zeitbezogen und modern. Hänsel und Gretel, zwei Kinder von heute, wachsen im kalten Umfeld des sozialen Randgebiets einer Großstadt auf. Aus dem verarmten Elternhaus verjagt, verirren sich die beiden auf der Suche nach Nahrung und landen schließlich in den Fängen der Knusperhexe. Bei aller Kälte, die bereits im Libretto begründet liegt, sind es aber gerade die schönen und warmen Momente der Märchenoper, die zu ihrem großen Erfolg beigetragen haben: Die zwei verirrten Kinder schaffen es, sich in ihrer unwirtlichen Umwelt zu behaupten und überwinden gemeinsam die Gefahr.